Projektautor und Initiator von sevengardens ist der Essener Künstler Peter Reichenbach.

Vom Handwerk zur Haltung – Annäherungen an eine Malerei der Verantwortung
Wenn ich auf meine künstlerische Biografie blicke, beginnt sie nicht mit einem Ausstellungsraum, sondern mit einem Handwerk. Lange Zeit diente mir die Malerei – ganz im Sinne ihres antiken Verständnisses – als Broterwerb. In der griechischen Tradition galt der Maler nicht als autonomes Genie, sondern als Techniker, als Ausführender. Diese Haltung war mir vertraut: Kunst als angewandte Fähigkeit, als Dienstleistung, als präzise Arbeit am Material.
Parallel dazu existierte jedoch eine andere, verborgene Praxis. In Tagebüchern, auf Reisen, in Skizzenbüchern und auf einfachen Papieren entstand eine zutiefst persönliche Malerei. Diese Arbeiten waren nicht für eine Öffentlichkeit bestimmt. Sie dienten der Erinnerung, der Selbstvergewisserung, der Reflexion – vielleicht auch einer Form der Selbsttherapie. Es waren Bilder ohne Markt, ohne Strategie, ohne Galerie. Und vielleicht gerade deshalb ohne äußeren Druck zur Erklärung.
Denn um als Künstler im öffentlichen Raum wirksam zu werden, braucht es ein System: Marktmechanismen, institutionelle Einbindung, kuratorische Rahmung. All das hatte ich nicht – und suchte es lange auch nicht.
Ein Wendepunkt kam 1998. Ich entschied mich, nicht länger mit Mineralien oder industriellen Metallpigmenten zu arbeiten, sondern konsequent mit pflanzenbasierten, biologisch reinen Farben. Diese Entscheidung war zunächst eine ethische und materielle. Sie betraf nicht nur meine private Arbeit, sondern auch meine handwerkliche Praxis. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass es kaum überlieferte, zeitgemäß umsetzbare Rezepte gab. Historische Quellen blieben vage, der Restauratorenbedarf war sowohl eingeschränkt als auch finanziell kaum tragbar.
Was folgte, war kein Projekt im klassischen Sinn, sondern ein Weg. Ein tastendes, forschendes, experimentierendes Vorgehen. Meine Nähe zur Zen-Kalligraphie war dabei mehr als ein ästhetischer Bezug. Sie vermittelte mir die Haltung, dass nicht das Ziel, sondern der Weg selbst die eigentliche Form darstellt. Der erste Strich, der erste Punkt – sie sind nicht Vorbereitung auf ein Ergebnis, sondern bereits Wirklichkeit.
In diesem Sinn wurde die Erforschung pflanzlicher Farben zu einer meditativen wie zugleich hochkonkreten Praxis: Anpflanzen, Extraktion, Filtern, Fixieren. Jede Farbe trug ihre eigene Geschichte in sich – Erde, Wasser, Licht, Zeit.
Eine entscheidende Erweiterung erfuhr meine Arbeit durch eine Begegnung mit einer Kuratorin, die unter anderem für das Museum Küppersmühle und das Quadrat Bottrop tätig ist. Sie beschrieb meine Praxis als eine mögliche Fortschreibung der Sozialen Skulptur von Joseph Beuys.
Dieser Gedanke traf einen Kern. Wenn Beuys den erweiterten Kunstbegriff formulierte, in dem jeder Mensch ein gestaltendes Wesen ist, dann stellte sich für mich die Frage: Was bedeutet das unter den Bedingungen ökologischer Krisen? Wie lässt sich künstlerisches Handeln nicht nur sozial, sondern auch ökologisch verstehen?
Aus dieser Fragestellung entwickelte sich über Jahre hinweg eine Praxis, die heute unter dem Namen sevengardens bekannt ist. Sie begreift die Arbeit mit Pflanzenfarben nicht allein als ästhetisches Verfahren, sondern als sozio-ökologischen Prozess. Es geht um Erde, um Saatgut, um Wasser, um Luft – um Kreisläufe. Um Verantwortung in der Materialwahl ebenso wie in der Weitergabe von Wissen.
Diese Arbeit wurde im Kontext der Nachhaltigkeitsziele von der UNESCO unterstützt. Die dort formulierten Zielsetzungen decken sich in wesentlichen Punkten mit meiner eigenen Haltung: Nachhaltigkeit nicht als Schlagwort, sondern als Praxis – als konkrete, überprüfbare Handlung im Alltag.
Mit der Zeit jedoch entstand eine Verschiebung der Wahrnehmung. Je stärker sevengardens als Bildungsprojekt rezipiert wurde, desto mehr wurde ich dem Feld der Pädagogik zugeordnet. Das Gesamtprojekt gilt inzwischen als Bildungsmethode. Das ehrt mich – und verengt zugleich die Perspektive. Denn die künstlerische Dimension bleibt schwer vermittelbar, wenn das Werk primär unter didaktischen Gesichtspunkten betrachtet wird.
Vielleicht hilft hier ein Blick weit zurück. Um das Jahr 500 formulierte Xie He seine berühmten sechs Prinzipien der Malerei. An erster Stelle steht „qiyun shengdong“ – die Lebendigkeit des Geistes, die innere Resonanz. Diese Theorie begreift Malerei nicht als Abbild, sondern als energetischen Vorgang, als Beziehungsgeschehen.
Ich habe diese Prinzipien für mich erweitert. Zwei Aspekte schienen mir in der heutigen Zeit unverzichtbar:
Erstens die Herkunft der Farbe. Woher kommt das Material? Unter welchen ökologischen und sozialen Bedingungen wurde es gewonnen?
Zweitens die Zukunft des Bildes. Was geschieht mit einem Werk im Prozess der Entropie? Wenn pflanzliche Pigmente verblassen, wenn das Papier sich zersetzt, wenn das Bild zu Humus wird – ist dies Verlust oder Vollendung?
In dieser Perspektive wird das Kunstwerk Teil eines Kreislaufs. Es ist nicht auf Ewigkeit angelegt, sondern auf Beziehung. Auf Wandlung.
Erst im Übergang von 2025 zu 2026 habe ich das Gefühl, meiner eigenen Malerei wirklich nähergekommen zu sein. Sie bleibt persönlich, vielleicht sogar intim. Aber sie ist nicht länger ausschließlich privat. Ich kann ihre innere Logik benennen. Ich kann erklären, warum Materialethik, Prozessoffenheit und Vergänglichkeit keine Randaspekte sind, sondern konstitutive Elemente.
Und vielleicht ist genau das der Schritt in die Öffentlichkeit: nicht die Anpassung an einen Markt, sondern die Klarheit über die eigene Haltung.
Und
Meine Malerei ist kein Produkt, das etwas illustriert. Sie ist ein Prozess, der Wirklichkeit erzeugt – im ersten Punkt, im ersten Strich, im bewussten Umgang mit Menschen , Natur, Farbe und Zeit.